Beschreibung der Handschrift

Die Handschrift mit der Signatur Cod. Guelf. 42.19 Aug. 2° ist ein Autograph Herzog August des Jüngeren. Sie war im Privatbesitz des Verfassers und dann der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Der Originaltitel lautet: Ephemerides. Sive Diarium. Gerahmt ist der Titel von der doppelten Abkürzung mp (manu propria = mit eigener Hand). Es folgt eine Liste mit den Namen seiner Nichten und Neffen, den Nachkommen von Anton II. von Oldenburg-Delmenhorst und Augusts Schwester Sibylle Elisabeth von Braunschweig-Dannenberg. Das Manuskript war in weißes Pergament gebunden mit einer Überschlagklappe und einem Pergamentriemen. Heute ist dies ersetzt durch einen weißen Pappeinband. Der alte Einband liegt noch bei. Dem Diarium liegen außerdem drei Briefe bei, zwei von der Handschrift des Herzogs, an Bernhard Rülow (Rostock 13.04.1594, 24.11.1594) sowie ein Antwortbrief an August (22.10.1665). Es gibt verschiedene Anmerkungen mit Bleistift von fremder Hand sowie eine eigenhändige Zeichnung auf 9r. Die Sprachen sind Deutsch, Latein und Italienisch. Außerdem wird eine Geheimschrift sowie eine Auszeichnungsschrift für fremdsprachige Begriffe verwendet.

Die Handschrift besteht aus 60 beschriebenen und 37 leeren Folioseiten. Das Manuskript ist in zwei Spalten eingeteilt, ausgeführt mit identischer Tinte, wie der geschriebene Text. Die beiden Spalten haben die Funktionen, einerseits den Haupttext und andererseits die Kommentare und nachträglichen Anmerkungen aufzunehmen. Beispielsweise wird dem Abschnitt über das Jahr 1626 der Zusatz in der linken Spalte zugefügt „Auf der h. zu Grabow begrebniß“ (Bl. 51v). Stellenweise verlässt der Verfasser diese Ordnung, überschreibt die vorher gezogenen Linien und nutzt die Seite, als fehle jegliche Unterteilung (z.B. Bl. 23v.). Die Einträge in der Spalte für den Haupttext werden durch waagerechte Striche voneinander, ein Jahr von dem anderen gewöhnlich durch doppelte Unterstreichung getrennt. Die Schrift füllt ähnlich wie beim Blocksatz jede Zeile einer Spalte voll aus. Augusts Einträge folgen einem bestimmten Schema. Einleitend nennt er das Datum mit Tages-, Monats- und Wochentagsangabe, letztere ausgedrückt durch das zugehörige Planetensymbol. Wenn man die Wochentage in ein Verhältnis zum Datum setzt, ergibt sich, dass August nach dem Gregorianischen Kalender datiert.

Der Hauptteil des Eintrags variiert je nach Thema stark in Umfang und Aufbau, grundsätzlich zählt er alle besuchten Ziele auf, jeweils mit Namen versehen und je nach Größe betitelt mit Dorf, Stadt, Fleck oder Reichsstadt. Außerdem werden die Personen und Sehenswürdigkeiten wie Paläste, Klöster, Gartenanlagen und Wasserkünste teilweise sehr ausführlich beschrieben. Abgeschlossen wird ein Eintrag für gewöhnlich mit der Angabe der Herberge und dem Ort des Mittagsmahls sowie der zurückgelegten Etappe, die mit Meilenangaben versehen ist. Für Einträge außerhalb der größeren Reisen gilt das gleiche Muster, jedoch variieren die Themen. Diese reichen von Todesfällen (Bl. 42r), Kindsgeburten und -taufen, Hochzeiten (Bl. 51r, Bl. 38r) über Turniere, Schmuckeinkäufe bis hin zur Auflistung von Besuchern an Augusts Hof und seinen Gegenbesuchen.

Der Umfang einer Notiz kann von einer Zeile bis zu mehreren Seiten reichen. In einigen Fällen übernimmt August während der Auslandsreisen in Italien ganze Monumentinschriften in seine Aufzeichnungen, so dass ein Eintrag ein ganzes Gedicht in lateinischer Sprache enthält. Die Hauptsprache des Diariums ist Deutsch, Fremdwörter, Namen oder Inschriften sowie kirchliche oder offizielle Bezeichnungen hat August in lateinischer Sprache und in Auszeichnungsschrift wiedergegeben.

Außer der Striche, Doppelstriche und Spalten weist das Diarium keine Einteilungen in Kapitel oder Absätze auf. Die Einträge besitzen kaum Verschreibungen, Durchstreichungen oder Veränderungen. Die Schrift ist zumeist flüssig und fast immer gleichmäßig über die Spalten verteilt. Das Tagebuch ist bis auf die später hinzugefügten Kommentare und Zusätze chronologisch und nicht thematisch aufgebaut. Das Diarium deckt einen Zeitraum von über vierzig Jahren ab, mit Lücken von mehreren Tagen oder Monaten. Es wurde von August selbst verfasst, dies ist evtl. dadurch zu begründen, dass es sich nicht um ein ausschließliches Reisetagebuch handelt, sondern inhaltlich ausdifferenzierter ist. Der Schreibstil Augusts wirkt selten emotional, sondern eher rational und berichtend. Dabei sind die Beschreibungen von Gegenständen oder Tieren einerseits sehr detailliert, andererseits sehr verkürzt. Für eine eventuelle Interpretation ist die Tatsache zu beachten, dass August alle genannten Inhalte in einem Tagebuch zusammenfasst und die Reisen nicht separiert. Im Unterschied dazu existiert ein Ausgabenbuch Augusts, das für ihn von seinem Hofmeister Volrad von Watzdorf über einen Zeitraum von 1595 bis 1598 geführt wurde und die Einnahmen und Ausgaben während der Aufenthalte in Tübingen und Straßburg enthält.

Sein Diarium dagegen führt August eigenhändig und scheinbar unabhängig von den standesgemäßen Pflichten der schriftlichen Rechenschaftsablegung. Beginn und Endpunkt des Diariums bilden jeweils markante Lebensabschnitte Augusts. Er beginnt das Tagebuch mit dem Eintritt in die Universität und beschließt es im Jahr seines Einzugs in die Residenz Wolfenbüttel. Über die Reiseumstände erfahren wir z.B., Bernhard Tege als „Hofmeister, Präzeptor und Reiseleiter“ in einer Person fungierte. Selten finden die Ausrüstung, die Begleitpersonen, die Reisemotivation oder Reisebedingungen, so z. B. „die Post gehn Fontenbleaů geritten“ Erwähnung. Teilweise werden besondere Wetterverhältnisse, wie z. B. „den 11 Julÿ. ʘ ein grosser vngestümer windt, hagell vnd donner, vnter der predigt entstanden“ oder außergewöhnliche Fortbewegungsmittel, wie z.B. Schiffe „fregata gezogen biß Gozzo Jnsell, Cumini Jnsell, Malta Jnsell”, notiert. Der Tageseintrag während einer Reise (17.08.1600) endet nach dem Datum und einem kurzen Text in eine größere Leerstelle. Dies deutet darauf hin, dass August zumindest einige Einträge von früheren Notizen auf Zetteln oder Büchern später ins Diarium übertragen hat. Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass August das Tagebuch nachträglich bearbeitet hat, indem er beispielsweise Abkürzungen später selbst auflöste. Da das Diarium über 42 Jahre geführt wurde, verändert sich das Schriftbild im Verlauf des Diariums stark.

Die Eigenheiten seiner Handschrift sind vor allem, dass das doppelte Minuskel-t zu einem Buchstabenzeichen zusammengezogen wird. Die Wortendungen -en, -em werden durch Verschleifung gekürzt. Das Affix ver- wird durch ein durchgestrichenes Minuskel-v wiedergegeben. Das sch innerhalb eines Wortes wird zu sh verkürzt. Kürzung von dem und den zu d + Verschleifung.

Unter dem Pseudonym Gustavus Selenus verfasste August ein Standardwerk zur Kryptographie (Cryptomenytices et cryptograpiae libri IX. Lunaeburgi 1624) und im Diarium verwendet er teilweise eine dort aufgeführte Geheimschrift. Auf Bl. 25r und Bl. 36r befinden sich chiffrierte Stellen und als nachträgliche Bleistiftnotizen der Versuch einer Dechiffrierung. Ob diese von August oder von einer fremden Hand stammt, kann derzeit nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Das erste Beispiel lautet: „einem Pferde gefallen im scharmutzieren“. Wenn man jedoch für jeden verschlüsselten Buchstaben ein Zeichen benutzt, liest sich die Dechiffrierung: „mit dem Pferde gefallen“.