Selbstzeugnisse der frühen Neuzeit
in der Herzog August Bibliothek

Kurzbeschreibung zu Cod. Guelf. 130.16 Extrav.: Reisetagebuch eines ungenannten Verfassers, 1770

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Die französische Beschreibung einer Reise von Lausanne nach London ("Journal d´un voyage de Lausanne a Londres avec des remarques critiques") vom 1. Oktober bis 5. Dezember 1770 stammt vermuttlich aus der Feder des Berner Schriftstellers Antoine Joseph Samuel Gaudard de Chavannes. Aufgrund der satirisch-kritischen Anmerkungen und Verunglimpfungen der Regierung in Bern wurde der Druck des Texts 1771 von der Berner Zensurbehörde verboten. Der vermutlich fiktive Reisebericht zirkulierte aber handschriftlich – darauf deutet das vorangestellte "Avertissement du Libraire" des Manuskripts hin (Bl. IIIr/v) – und wurde 1783 unter dem leicht veränderten Titel "Journal d'un voyage de Genève à Londres" unter den Initialen "G. D. C.[=Gaudard de Chavannes]" und ohne Angabe des Druckorts oder Verlegers gedruckt. Auch der publizierte Text wurde stark verändert – z. B. wurde der Ausgangsort von Lausanne nach Genf und der Beginn der Reise vom 1. Oktober auf den 30. September verlegt –, enthält aber noch unverkennbare Übereinstimmungen zum Manuskript.1 Weitere Handschriften, die dem Wolfenbütteler Text entsprechen, konnten nicht ermittelt werden. Ein systematischer Vergleich der Fassungen und weitere Forschungen zu den Hintergründen der Zensur- und Publikationsgeschichte des Werks stehen noch aus. Auch ist ungeklärt wie das Manuskript nach Wolfenbüttel kam. Möglicherweise wurde es von dem späteren Wolfenbütteler Bibliothekar Ernst Theordor Langer, der sich zwischen ca. 1769 und 1771 in der Schweiz aufhielt und selbst über seine Beobachtungen in Briefform berichtete (Cod. Guelf. 139.4 Extrav.), erworben und mitgebracht.2

Literatur

  • Gaudard de Chavannes, Antoine Joseph Samuel: Journal d'un voyage de Genève à Londres, en passant par la Suisse, entremêlé d'avantures tragiques, o. O. 1783.
  • Müller, Karl: Die Geschichte der Zensur im alten Bern, Bern 1904, S. 199.
  • Otte, Wolf-Dieter: Die neueren Handschriften der Gruppe Extravagantes, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1987, S. 97.
  • Rossel, Virgile: Histoire Littéraire de la Suisse Romaine, Bd. 2, Genf/Basel/Lyon 1891, S. 278-280.

Anmerkungen
1 Zum Vergleich seien der Beginn des Manuskripts und des Drucks zitiert. Im Manuskript heißt es: "Le premier Octobre 1770. a deux heures apres midi, je suis parti par le Coche de Berne, avec mon fidèle Epagneul Castor. C'est une douce compagnie d'autres voyageurs, que celle d'un ami agréable, sa bonne humeur en allége les fatigues, elle en previent l'ennui." (Cod. Guelf 140.16 Extrav., S. 1) Im Druck beginnt das Tagebuch dagegen so: "Le 30e. septembre à midi, je suis entré dans un coche public avec mon aimable & fidele épagneul Castor, Anglais d'origine, & Genevois de naissance. La compagnie d'un ami affectionné, complaisant & d'humeur agréable, est d'une douceur sans égale dans les voyages, elle en allege les fatigues, elle en prévient l'ennui, elle en émousse les épines." (Gaudard de Chavannes 1783, S. 1).
2 Dafür würde auch sprechen, dass sich in Langers Stammbuch am 30. Juni 1771 in Lausanne ein Herr "de Chavannes fils" eintrug, bei dem es sich vermutlich um den Zeichner Charles-Philippe Gaudard de Chavannes (1753-1780) handelte. Dieser war möglicherweise der Sohn des Autors des "Journal d'un voyage". Siehe Cod. Guelf. 276.3 Extrav., Bl. 6v.