Einleitung und Handschriftenbeschreibung zu Cod. Guelf. 221 Extrav.: Reisetagebuch von Christian August von Schleswig-Holstein-Norburg, 1664-1670
Links: Digitalisat, Selbstzeugnisrepertorium, edierter Text
Herzog Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Norburg (1639–1687) hatte nicht nur eine ausgeprägte Reisefreude, sondern war auch ein extensiver Tagebuchschreiber. So hielt er in der hier edierten Handschrift (Herzog August Bibliothek (HAB), Cod. Guelf. 221 Extrav.) ausführlich eine Reise fest, die ihn von Norddeutschland über Prag, Wien, durch Ungarn, das Osmanische Reich bis nach Konstantinopel und von dort weiter in das Heilige Land führte. Von dort kehrte er zu Schiff über Venedig wieder nach Europa zurück. Das Reisetagebuch setzt mit der Überfahrt von England nach Hamburg am Pfingstsonnabend (28. Mai nach altem Stil) 1664 ein und endet am 4. September 1670 mit der Ankunft in Norburg. Auf das eigentliche Reisetagebuch folgen weitere Notizen, Rechnungen, die Abschrift einer Gandersheimischen Chronik und ein Briefentwurf, der dem Inhalt nach nicht vor 1680 geschrieben worden sein kann. Insgesamt umfasst die Handschrift zwei ungezählte und 126 foliierte Blätter in einem Pergamenteinband. Außen und innen sind die Buchdeckel ebenfalls mit Notizen versehen, darunter auf dem vorderen Innendeckel der Besitzvermerk "Christianus Augustus. HS&H".
Der edierte Text stammt aus einer von mehreren Handschriften aus der Feder Christian Augusts im Besitz der HAB. Unter diesen befindet sich ein ausführlicheres Reisetagebuch (HAB: Cod. Guelf. 257.3 Extrav.), das den Zeitraum von 1655 bis 1685 abdeckt und in mehreren Sprachen (deutsch, latein, italienisch, französisch, englisch, spanisch, schwedisch) geschrieben ist. Es überschneidet sich zeitlich mit dem hier edierten Manuskript. Man kann aufgrund des Schriftbilds davon ausgehen, dass Cod. Guelf. 221 Extrav. einem Teil der originalen Reiseaufzeichnungen Christian Augusts entsprechen, wohingegen Cod. Guelf. 257.3 Extrav eine saubere, zum Teil überarbeitete und ergänzte Reinschrift der Tagebücher des Herzogs ist. Offenbar sammelte er in den zwei Jahren vor seinem Tod - der letzte Eintrag der Handschrift ist zum 19. Dezember 1685 - seine verstreuten Reiseaufzeichnungen und fasste sie zu einem redigierten und mit weiteren Informationen angereicherten Text zusammen.1 Von den Reiseaufzeichnungen Christian Augusts besitzt die HAB noch ein englischsprachiges Schiffstagebuch aus den Jahren 1677-1679 (Cod. Guelf. 125.3 Extrav.), das er als Kommandant einer englische Fregatte führte.
Eigenheiten der Handschrift
Wie bereits Ernst Theodor Langer feststellte, als er die in der Herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel, der heutigen HAB, hinterlassenen Handschriften von Christian August, 1793 im Neuen Göttingischen historischen Magazin bekannt machte, ist die edierte Handschrift "oft äußerst flüchtig geschrieben"2 und dadurch bisweilen schwer lesbar. Sie enthält zahlreiche Streichungen, Ergänzungen und andere Bearbeitungsspuren. Einige dieser Texteingriffe erfolgten unmittelbar während der Abfassung des Textes etwa bei der Korrektur von Schreibversehen. Andere Zusätze sind aber regelrechte Nachträge, die offenbar erst einige Jahre nach der Abfassung erfolgten. Das betrifft etwa die englischsprachigen Randnotizen und Ergänzungen, die Erläuterungen zu Orten auf dem Weg von Wien nach Konstantinopel enthalten. Sie weisen eine große Nähe zu Edward Browns Brief account of some travels in divers parts of Europe auf bis hin zu wörtlichen oder nur geringfügig paraphrasierten Übernahmen. Browns Buch erschien zuerst 1673, sodass die Auszüge hieraus nicht vorher erfolgt sein können.3 Sie finden sich zum größten Teil aber auch in der Reinschrift der Tagebücher Christian Augusts, müssen also vor deren Abfassung bereits im hier edierten Text enthalten gewesen sein. Andere nachträgliche Randnotizen, die teils in italienischer oder spanischer Sprache erfolgten, mögen ebenfalls aus entsprechenden Werken der Reiseliteratur, der Staatenkunde und Geschichtsschreibung stammen. Sie finden sich auch bereits im Haupttext, wobei Christian August gelegentlich seine Quellen nennt. Nur in solchen Fällen wurde ein entsprechender bibliographischer Nachweis möglichst mit einem Link auf ein Digitalisat in die Edition in Form einer Fußnote aufgenommen. Für Zitate bzw. mutmaßliche Zitate ohne Angabe war dies aus Zeitgründen nicht systematisch möglich.
Im Zusammenhang mit der Reinschrift stehen möglicherweise andere Bearbeitungsspuren im Text, namentlich angedeutete Streichungen einzelner Textteile und ganzer Seiten, die durch mehr oder weniger senkrechte einzelne Striche in einer deutlich blasseren Tinte erfolgten als bei der ursprünglichen Abfassung verwendet wurde. Ihr Sinn erschließt sich aber nicht gänzlich, denn die so markierten Textteile stehen in der Regel auch in der Reinschrift neben den nicht gestrichenen Partien. Da sie inhaltlich keine heute noch erkennbare Bedeutung haben, wurden auch sie nicht durch den textkritischen Apparat erfasst. Sie sind aber leicht aus den Digitalisaten ersichtlich.
Dagegen wurden die skizzenartigen Zeichnungen, die Christian August meist am Rand von fremdartigen Kleidungsstücken, Tieren, Gebäuden und selten auch Menschen seinem Text beifügte, durch entsprechende Hinweise im textkritischen Apparat dokumentiert. So sind sie leicht auffindbar und können anhand der Digitalisate betrachtet werden. Auch sie wurden zusammen mit dem Text im Übrigen in die Reinschrift der Tagebücher eingetragen, was für ihre Bedeutung für den Tagebuchschreiber spricht.
Biografische Angaben
Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Norburg, aus einer Nebenlinie des dänischen Königshauses, wurde 1639 als zweiter Sohn Herzog Friedrichs von Schleswig-Holstein-Sonderburg Norburg (1581-1658) geboren. Seine Mutter war die zweite Ehefrau des Herzogs Eleonore, geb. Fürstin von Anhalt-Zerbst (1608-1681). Ab 1655 wurde er mit seinem Hofmeister Adolph Hans von Holsten (1630-1694) an die Ritterakademie in Sorø geschickt, von wo er gegen Ende 1657 nach einer öffentlichen Rede über das Bildnis der Pallas Athene4 abging und vorerst zurück nach Norburg und Sonderburg kehrte. Allerdings war er auch während der Zeit in Sorø bereits auf verschiedene kürzere und längere Reisen gegangen, hatte sich etwa Roskilde mit der Grablege der dänischen Könige und Kopenhagen angesehen und war bis nach Malmö gelangt.5 Nach dem Tod seines Vaters 1659 wurde er von der Regierung im Herzogtum Schleswig-Holstein-Sonderburg-Norburg zugunsten seines älteren Halbbruders Johann Bogislaw (1629-1679) ausgeschlossen und mit dem Gut Hirschsprung sowie einem Unterhalt von jährlich 1600 Talern abgefunden, die aber wohl nie von Johann Bogislaw in voller Höhe ausgezahlt wurden.6
Nicht zuletzt diese prekäre finanzielle Lage dürfte zum unsteten, abenteuerlichen Lebenswandel des Herzogs beigetragen haben. Um ein standesgemäßes Auskommen zu finden, wandte er sich in die Fremde.7 Zunächst absolvierte er von 1659 bis 1662 eine Grand Tour, die ihn durch die Niederlande, Frankreich, Spanien, Portugal, Marokko und Italien führte. Weitere Reisen führten ihn 1663 und 1664 nach Kopenhagen, Spanien, Frankreich und England.8 Von dort kerte er Ende Mai 1664 zurück und trat 1665 über Prag und Wien, wo er sich einer kaiserlichen Gesandtschaft anschloss, den Weg zunächst nach Konstantinopel an den osmanischen Sultanshof an. Von dort reiste er allein weiter bis in das Heilige Land und kehrte zu Schiff über Venedig, wo er im September 1666 ankam, nach Europa zurück. Diese Reise ist in der edierten Handschrift dokumentiert. Im Anschluss blieb er zunächst in Norddeutschland, aber auch hier selten lange an einem Ort.
1670 ging er wieder nach England und trat im Folgejahr in den Dienst der Royal Navy. An Bord mehrerer Kriegsschiffe, ab 1672 auch selbst als Kommandant der Fregatte HMS Antelope, kämpfte er bis 1674 im Dritten Englisch-Niederländischen Krieg. Nach der Beendigung dieses Krieges wurde er zunächst entlassen, nahm aber verschiedene diplomatische Mission wahr und an weiteren englischen Flottenaktionen teil, darunter 1676 der Zerstörung von vier Korsarenschiffen in Hafen von Tripolis, wovon sich ein Bericht aus Christian Augusts Feder erhalten hat.9 1677-1679 führte er das Kommando der HMS Newcastle, 1680 war er Volontär auf einem anderen englischen Kriegsschiff. Danach lebte er zwischen weiteren Reisen nach Schweden, Dänemark, Schlesien und Italien, in London, wo er 1687 unverheiratet und kinderlos starb.10
Literatur
- Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Norburg, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, letzte Aktualisierung 18. August 2026. [online]
- Freller, Thomas: Adlige auf Tour. Die Erfindung der Bildungsreise, Ostfildern 2007, S. 95-103.
- Langer, Ernst Theodor: „Einige Merkwürdigkeiten von Herzog Christian August von Holstein-Sonderburg“ in: Neues Göttingisches Magazin 2 (1793), S. 524–543. [online]
- Leibniz, Gottfried Wilhelm: Extract aus dem Diario der Reisen des Herzogs von Holstein Nordburg, in: Leibniz-Edition Potsdam I der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz. Sämtliche Schriften und Briefe. Reihe IV: Politische Schriften, Bd. 7, Berlin 2011, S. 206-254.
- Otte, Wolf-Dieter: Die neueren Handschriften der Gruppe Extravagantes, Bd. 3, Frankfurt a. M. 1993, S. 4.
- Strauß, Ulrike: „Herzog, Kriegsschiffkapitän, Abenteurer. Unbekannte Quellen 1673-1675 aus dem Wolfenbütteler Nachlaß des Christian August von Holstein-Norburg“ in: Braunschweigisches Jahrbuch 78 (1997), S. 149–172. [online]
Anmerkungen