Digitale Edition der TagebĂŒcher von Herzog Ludwig Rudolph und Herzogin Christine Luise von Braunschweig-WolfenbĂŒttel

AH/ AZ


Herzog Ludwig Rudolph von Braunschweig-WolfenbĂŒttel (1671–1735) hat eine ganze Reihe von autographen und nicht-autographen Selbstzeugnissen von unterschiedlichem Umfang und verschiedener Ausrichtung hinterlassen, von denen ein großer Teil im Bestand der Herzog August Bibliothek zu finden ist, nachdem die mit 15.000 BĂ€nden sehr beachtliche Blankenburger Bibliothek des Herzogs zum grĂ¶ĂŸeren Teil 1753 nach WolfenbĂŒttel gekommen und der Rest nach diversen Umwegen 1890 gefolgt war.1 AuffĂ€llig sind etwa die hohe Zahl eigenhĂ€ndiger ExzerptbĂŒcher- und –kladden und seine LektĂŒre-Protokollierung in tagebuchartigen Aufzeichnungen im Bestand der Blankenburger Handschriften der HAB. Vgl. die Auswahl-Übersichten ĂŒber diese Quellen und Forschungsliteratur in unserer Bibliographie und das Repertorium Selbstzeugnisse der FrĂŒhen Neuzeit in der Herzog August Bibliothek


Ziel des Projekts ist die philologisch verlĂ€ssliche, weitgehend vorlagengetreue und gut referenzierte digitale Edition von drei aus diesem Fundus ausgewĂ€hlten tagebuchförmigen Handschriften Herzog Ludwig Rudolphs (Cod. Guelf. 28 Blank., 286 Blank. und 286a Blank.) zuzĂŒglich eines Tagebuchs seiner Ehefrau Christine Luise (1671–1747), gebĂŒrtig aus dem fĂŒrstlichen Hause Oettingen-Oettingen, aus der Zeit zwischen 1698 und 1724 (Cod. Guelf. 211.1 Extrav.). Cod. Guelf. 28 Blank. wurde offensichtlich nachtrĂ€glich in Reinschrift eines SekretĂ€rs oder Kanzlisten gebracht und dokumentiert Ludwig Rudolphs Jahr 1701. Cod. Guelf. 286 Blank. umfasst eigenhĂ€ndige Aufzeichnungen Herzog Ludwig Rudolphs vom Januar 1712 bis November 1713 und am Ende des Bandes einen Ausgriff auf den Juni 1724. Cod. Guelf. 286a Blank. bietet ebenfalls eine nicht durchgehend diaristische eigenhĂ€ndige Beschreibung Ludwig Rudolphs fĂŒr das Jahr 1707. Herzogin Christine Luise hat uns mit Cod. Guelf. 211.1 Extrav. ein Tagebuch fĂŒr die Zeit vom MĂ€rz 1698 bis Juli 1699 hinterlassen. Eine genaue Beschreibung der vier Handschriften bietet die in KĂŒrze verfĂŒgbare Quellenbeschreibung.


Durch die Transkription und Kommentierung dieser fĂŒrstlichen Selbstzeugnisse sowie ihre Bereitstellung in elektronischer Form werden bislang kaum beachtete Quellen zur Landes-, Hof- und Adelsgeschichte erschlossen und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht. Sie ermöglichen nicht nur einen seltenen und vertieften Einblick in die Persönlichkeitsentwicklung und Erfahrungswelt, die kulturelle Wahrnehmung und höfische Selbstinszenierung und –formung, den Alltag und soziale Praktiken sowie die Netzwerke dieses FĂŒrstenpaars, sondern versprechen darĂŒber hinaus generelle AufschlĂŒsse ĂŒber die politische und höfische Kultur im Herzogtum Braunschweig und LĂŒneburg des spĂ€ten 17. und frĂŒhen 18. Jahrhunderts. Diese Periode der Jahrzehnte um 1700 — zwischen der glanzvollen Ägide des kunst- und kulturbeflissenen und politisch ehrgeizigen barocken Herrschertypus‘ Anton Ulrich (1633–1714) und dem Herzog Karl I. (1713–1780) und seiner Regentschaft im Zeichen der AufklĂ€rung — ist landes- und hofgeschichtlich kaum im historischen Bewusstsein prĂ€sent und vergleichsweise wenig erforscht. Ludwig Rudolph steht aufgrund seiner spĂ€ten und nur kurzen Regentschaft im FĂŒrstentum WolfenbĂŒttel (1731–35) historiographisch deutlich im Schatten seines Vaters und Großvaters, Herzog Anton Ulrichs bzw. Herzog Augusts des JĂŒngeren (1579–1666). Auch das historische Bild seines VorgĂ€ngers in der Regierung, des Ă€lteren kinderlos gebliebenen und hoch verschuldeten Bruders August Wilhelm (1662–1731), strahlt zu viel Ausschweifung und zu wenig Tatkraft und Regierungsambition aus, als dass sich seine Regentschaft im historischen GedĂ€chtnis der Nachwelt dauerhaft hĂ€tte verankern können. Bevor Ludwig Rudolph 1731 die Regierung im FĂŒrstentum WolfenbĂŒttel antrat und, wie ihm bescheinigt wurde, in solide Bahnen zurĂŒckfĂŒhrte, hatte er in der Grafschaft Blankenburg, die er 1690 als Apanage erhalten hatte und die er, 1707 zum FĂŒrstentum erhoben, ab 1714 eigenstĂ€ndig regierte, gemeinsam mit seiner Frau Christine Luise eine außergewöhnlich intensive Kulturpolitik betrieben. Vor allem traten beide im Aufbau ansehnlicher Bibliotheken und in der Förderung der Theater- und Opernkunst in Erscheinung. Auf diese Weise etablierten sie Blankenburg als kulturelles Zentrum in zeitweilig erkennbarer Konkurrenz zum herzoglichen Hof in WolfenbĂŒttel.


Die hier edierten TagebĂŒcher liegen (mit Ausnahme von 286 Blank., das am Ende ins Jahr 1724 ausgreift) zeitlich vor dem Antritt der Blankenburger Regentschaft und fĂŒhren in die historische Topographie des FĂŒrstentums WolfenbĂŒttel, in die Bildungswelt und LektĂŒren Ludwig Rudolphs, in reprĂ€sentative Pflichten des Prinzen und seiner Gemahlin, in Kontakte und Verbindungen des Paares, alltĂ€glichen Zeitvertreib und die tw. anstrengenden, sublimen Regeln und Verkehrsformen höfischer Kommunikation und Etikette sowie Personen und Strukturen von Hofstaat und -gesellschaft ein. Sie zeigen das fĂŒrstliche Leben des Herzogspaares in einer streng separierten höfischen SelbstverstĂ€ndlichkeit und SelbstreferentialitĂ€t, frei von jeglicher Regierungs- und Verwaltungsverantwortung, weitgehend abgehoben von der gesellschaftlichen Umwelt der niederen StĂ€nde, angetrieben von höfischen SpielvergnĂŒgen und dem angestrebten Glanz barocker KulturĂŒberhöhung. Gleichwohl muss sich eine kritische Geschichts- und Kulturwissenschaft auch, vielleicht sogar gerade in solchen Scharnierzeiten beweisen und jene „ungeahnten und unerreichbaren Paradiese fĂŒr tatenlose TrĂ€ume“,2 aufdecken, die in den Kulissen des barocken Herrschafts- und Kunsttheaters blĂŒhten, in denen man sich gegen die kreatĂŒrliche und politische Limitierung gleichwohl in nichts geringerem als in mythischen Wolkenbildern von Salomon und David, von Apollo, Herkules, Jason oder Perseus, Aeneas oder Augustus oder in den loci amoeni einer heilen SchĂ€ferwelt literarisch und musikalisch bespiegelte. FĂŒr diese Welt des barocken Hoftheaters in beiderlei Sinn des Wortes bieten die hier ausgewĂ€hlten Selbstzeugnisse einiges an Untersuchungsmaterial.


Das Projekt knĂŒpft inhaltlich und technisch an das im Rahmen des Programms PRO*Niedersachen geförderte Projekt „Selbstzeugnisse der FrĂŒhen Neuzeit in der Herzog August Bibliothek. Digitale Edition des Diariums von Herzog August dem JĂŒngeren, Selbstzeugnis-Repertorium und Forschungsportal“ (kurz: SZ I; Laufzeit: 01.09.2014–31.08.2017; BearbeiterIn: Inga Hanna Ralle, David Maus) an, indem das dort entwickelte Forschungsportal weiter ausgebaut wird. Bei der Textgestaltung, der Referenzierung von Personen und Orten, der Erstellung eines Glossars war RĂŒcksicht auf die spezifischen PrĂ€sentationsformen der Quellentexte — die z. B. nicht einer streng diaristischen Chronologie folgen — und auf editionsphilologische Erfordernisse zu nehmen und daher verschiedentlich von den vorgegebenen Verfahrensweisen der SZ I abzuweichen. Über die editionsphilologischen Regeln von Transkription und TextprĂ€sentation unterrichten die Editionsrichtlinien. Die an Informationen weit ausfĂŒhrlicheren Personen- und Ortsregister, das Glossar des erklĂ€rungsbedĂŒrftigen Wortschatzes in den Quellen und das Verzeichnis der von Ludwig Rudolph und Christine Luise erwĂ€hnten oder zitierten Literatur werden nicht als Portaltexte, sondern innerhalb der Digitalen Edition angeboten.


Eine wichtige inhaltliche Schnittstelle zum VorlĂ€uferprojekt der SZ I bildet der Umstand, dass es wieder fĂŒrstliche Selbstzeugnisse aus dem Herzogtum Braunschweig-WolfenbĂŒttel sind, die kritisch bearbeitet und veröffentlicht werden. Es ist beabsichtigt, die Forschungslinie „Selbstzeugnisse“ an der HAB und das Forschungsportal auch ĂŒber das hier vorgestellte Vorhaben hinaus weiterzufĂŒhren.


Anmerkungen
1Alphabetischer (Catalogus nominalis) und Standortkatalog (Catalogus numeralis) der Blankenburger Bibliothek Herzog Ludwig Rudolphs, 8 und 3 BĂ€nde. Angefertigt und 1737 fertiggestellt von Georg Septimus Andreas von Praun (1701–1786), seit 1727 herzoglicher Bibliothekar in Blankenburg. WolfenbĂŒttel, Herzog August Bibibliothek, Bibliotheksarchiv, BA I, 655-662 und 664–666.
2Georg LukĂĄcs: Die Seele und die Formen. Essays. Berlin, Neuwied 1971, S. 226. Vgl. dazu Lucien Goldmann: Der verborgene Gott. Studie ĂŒber die tragische Weltanschauung in den PensĂ©es Pascals und im Theater Racines. Neuwied, Darmstadt 1973, S. 64.